Reisebericht Hawassa Oktober 2019

Von Hendrijk Guzzoni



Insgesamt gute Entwicklung im Children Center


Die Gesamtsituation im Children Center ist weiterhin sehr gut. Die Kinder sind weit überwiegend glücklich und zufrieden. Der Zusammenhalt der Kinder untereinander und über die Altersgruppen hinweg ist weiterhin bewundernswert. Probleme gibt es weiterhin bei einigen Kindern mit der Disziplin in der Schule. Auch bezüglich des – fraglos einfachen, aber ausreichenden – Essens hört man Kritik. Im neuen Budget wird das Essensbudget von derzeit 900 Birr pro Monat und Kind auf 1.000 Birr bzw. ab Mitte 2020 auf 1.100 Birr (34 Euro) erhöht.

Bedarf sehen wir bei der besseren und intensiveren Schulung der Hausmütter. Auch die psychologische Beratung sollte wieder intensiviert werden, wobei insbesondere die psychologische Situation des „Waisenkind-Seins“ berücksichtigt werden sollte. Von unserem Ziel, dass jedes Kind alle 2 bis 4 Wochen ein psychologisches Beratungsgespräch hat, sind wir noch weit entfernt.

Herausragend war der Beitrag unserer Studierenden und Ehemaligen für das Sommerprogramm im Center, für die Evaluation und vieles mehr!


Die mit Holz befeuerten Injera-Öfen werden in 2020 durch elektrisch betriebene Injera-Öfen ersetzt. Dies ist für die Gesundheit der Hausmütter sehr positiv, entlastet diese auch zeitlich und ist ökologisch sowieso überfällig.



Große Erfoge in Schule und Studium


Die Ergebnisse der 8. und 10. Klasse und auch der Abschlüsse der 12. Klasse sind besser als erwartet ausgefallen. Vier weitere Jugendliche aus dem Center besuchen jetzt die Uni, zwei weitere gehen auf die Abend-Uni. Insgesamt haben wir aus dem Kreis der Waisenkinder nun 17 Studierende an Universitäten! Nächstes Jahr werden vier unserer Studierenden die Uni abschließen, in 2021 weitere sechs!


Insgesamt sind nur zwei Kinder in der Schule nicht versetzt worden. Es fand eine Vergabe von Preisen an herausragende Schülerinnen und Schüler sowie (auf mein Betreiben) an Schülerinnen und Schüler mit besonders guten Fortschritten statt. Außerdem wurden zwei Kinder für besondere künstlerische Qualitäten ausgezeichnet (Bentisa und Beletu).


Wir haben beschlossen, die finanzielle Unterstützung der Studierenden zu erhöhen. Der allgemeine Zuschuss (1.220 Birr / 40 Euro pro Monat) beizubehalten, aber im Budget einen Posten für Fahrtkosten heim nach Hawassa (2 mal im Jahr) zusätzlich einzurichten.



Erweiterung und Neustrukturierung des Ausbildungszentrums


Aufgrund des anhaltenden Zulaufs planen wir eine räumliche Erweiterung unserer Ausbildungswerkstätten im Vocational Training Center. Mit dem Bau eines neuen Werkstattgebäudes soll noch in 2019 begonnen werden. In 2020 soll das Erdgeschoss fertiggestellt sein, im Jahr darauf der Ausbau des Obergeschosses.


Unser IT-Ausbildungsbereich inklusive der Bereiche Sekretariatswesen und Business Management wird künftig als Unternehmen geführt. Ab 2022 soll der Bereich gemäß Businessplan mit schwarzen Zahlen arbeiten und 30% der Gewinne an die Kinderabteilung ausschütten. Ähnliches ist auch für die anderen Werkstattbereiche geplant. Die Beantragung einer Lizenz, um die in den Ausbildungswerkstätten (Holz, Metall und Elektro/Solar, Textil) hergestellten Produkte verkaufen zu können, hat sich als sehr kompliziert herausgestellt, wird aber dennoch weiterverfolgt.

Trotz der unternehmerischen Neuausrichtung der Werkstätten achten wir selbstverständlich darauf, dass die Ausbildung von Straßenkindern ohne Schulgeld auch weiterhin möglich ist.



Große Resonanz auf das Community Support Program


Unser Community Support Program zur Unterstützung von Alleinerziehenden, älteren Menschen und Menschen mit Behinderung, die bedürftig sind, trifft weiterhin auf wachsende Resonanz.

In Tula, einem armen Stadtteil von Hawassa, ist ein Angestellter der Gemeindeverwaltung für die Umsetzung des Programms abgestellt. Wir können dort auch Räume der Gemeindeverwaltung nutzen.

Aus Tula haben 15 junge Frauen eine Lehre als Näherin abgeschlossen. Wir unterstützen sie dabei, sich nun als Kooperative selbständig zu machen, indem sie Nähmaschinen als Darlehen bekommen. Weitere 15 junge Frauen aus dem Community Support Programm haben ein Training absolviert, sich selbständig zu machen. Sie erhalten jeweils ein Darlehen von ca. 100 Euro.


Ein Programm zur Unterstützung junger alleinerziehender Mütter, das uns sehr am Herzen liegt –gegen das in Hawassa aber durchaus Vorbehalte bestehen, da Alleinerziehende dort häufig stigmatisiert werden –, ist endlich angelaufen. Vier junge Mütter im Alter von 16 bis 22 mit einem bis drei Kindern sind aufgenommen worden. Weiterhin sind zwei junge Frauen, die aus unserem Projekt kommen, ebenfalls in dieses Programm gekommen.



Ein Wort zur politischen Situation


Die politische Lage in Hawassa war im vergangenen Jahr häufiger angespannt. Die Volksgruppe der Sidama möchte per verfassungsgemäßem Referendum im November ein eigenständiges Bundesland durchsetzen. Im Zusammenhang mit Verzögerungen beim Referendum war es im Sommer zu Ausschreitungen gekommen.


Während meines Aufenthaltes war die Lage völlig ruhig. Hawassa steht jedoch immer noch unter Militärrecht, abends gab es teilweise Ausgangssperren. Das Referendum im November wird aller Voraussicht einen klaren Erfolg der Sidama für ein eigenständiges Bundesland Sidama ergeben. Da sich die Sidama wohl auf der ganzen Linie durchgesetzt haben, werden keine weiteren Unruhen erwartet. Mittel- und langfristig wird zu sehen sein, wie der Umgang mit Minderheits-Ethnien und zentralen Behörden und Institutionen in Hawassa sein wird, so auch mit unserem Projekt …


Für Mai 2020 sind nationale Parlamentswahlen angesetzt. Ministerpräsident Abij hat eine eigene Partei, die „Äthiopische Wohlstandspartei“, gegründet. Es wird sich in den nächsten Monaten zeigen, ob und in welchem Maße nationale oder doch wieder ethnisch orientierte Parteien antreten werden – und vor allem, welche Zustimmung der Kurs des Ministerpräsidenten in der Bevölkerung findet.