Aufenthalt in Awassa Dezember 2016/Januar 2017

von Marie Vogelsang

Mein erster Weg im Center ging zu den Kindern und Hausmütter (Mothers). Die Entwicklung seit meinem letzten Besuch vor einem Jahr ist ausgesprochen erfreulich. Nach Kindergarten- und Schulschluss bücken sich die Mothers nicht mehr über Waschbottiche, die Uniform musste ja für den nächsten Tag sauber sein. Dank der gespendeten Waschmaschine, einer 2. Uniform und einer weiteren Aushilfskraft haben sie Zeit für die Kinder. Übungshefte aus Kindergarten und Schule werden interessant, Erzieher und Lehrer haben die Arbeiten kommentiert, und es beginnt die Vertiefung. Die Mothers, des Englischen in der Regel nicht mächtig, lernen gleichzeitig mit den Kindern.

Nachdem Outside-children im November letzten Jahres geäußert hatten, dass „niemand sich für sie interessiere“, standen eben sie im Centrum meiner Arbeit. Mit dem Leiter der Kinderabteilung und dem neu eingestellten Sozialarbeiter habe ich 38 Kinder (wobei ja fast alle Jugendliche bzw. junge Erwachsene sind) besucht. 17 Kinder leben bei Verwandten, 9 in Wohngemeinschaften, die anderen in Einzel- bzw. Doppelzimmern in der Stadt. Uns interessierte, wie sie leben, ob die Wohnsituation akzeptabel ist und welchen Eindruck wir vom Zusammenleben haben. Ein weiterer Schwerpunkt waren die 14-tägigen Treffen im Center, die für die Outside-children verpflichtend sind. Einerseits wird dadurch der Kontakt zum Center gefördert, es hat auch Kontrollfunktion – andererseits ist es der Ort, an dem Themen in beidseitigem Interesse von Kindern und Mitarbeitern diskutiert werden.

Unsere Erfahrungen Bis auf eine Wohnsituation - hier lebten Onkel und Neffe auf kleinsten Raum – war das, was ein Kind zum guten Leben braucht vorhanden: ein Schlafplatz, ein Schemel, ein Platz zum Hausaufgaben machen, ein Regal für den Hausrat, eine Kochgelegenheit und ein Sack für Kleider. Die Grundausstattung bekommen die Kinder vom Center. Ein Jugendlicher war psychisch erkrankt. Aufgrund der Medikation konnte er nicht länger am Schulunterricht teilnehmen. Allen anderen Kindern ging es gesundheitlich gut. Onkel und Neffe hatten bald ein größeres Zimmer bezogen.

In Gesprächen mit Verwandten kamen mehrfach Sorgen zur Sprache, u.a. die Jugendlichen würden sich sehr nach außen orientieren, kämen abends spät heim, manche seien verschlossen, und es sei schwierig, Verantwortung für sie zu übernehmen. Das empathische Zuhören und die Beratung durch die Sozialarbeiter war äußerst wichtig, und genau das bedarf der regelmäßigen Fortführung.

Paten haben uns in letzte Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass Kinder Bitten äußern, etwa um ein Telefon, ein Fahrrad, eine Uhr, um Kleidung. Unsere Kinder gehen in der Stadt in die Schule, sehen fern und werden selbstverständlich mit allem, was wünschenswert wäre, konfrontiert. Aber auch manche Paten haben das Bedürfnis, etwas Persönliches zu schenken. Dass es im Verständnis der Kinder dabei nicht gerecht zugeht, ist verständlich, aber es ist eine Realität, mit der sie sich auseinandersetzen müssen. Unsere Meinung ist, Paten tun das, was ihr Bedürfnis ist und was sie für richtig halten. Mich hat es veranlasst, anlässlich der Samstagtreffen, über den Weg des Geldes von Paten zu Kindern zu arbeiten. Die Liste dessen was ihnen einfiel, was sie monatlich zum Lebensunterhalt und für den Schulbesuch bekommen, war lang, und sie waren der Meinung, hierfür den Paten ein herzliches Danke zu sagen. Manche Kinder sagen auch „I love you“, was im übertragenen Sinn be-deutet: ich anerkenne, was du für mich tust.

Weitere Themen sind: was heißt es für mich und auch für meine Umgebung, dass ich Waisenkind bin; das kann z.B. bei der Zimmersuche wichtig werden oderetwa 50% der Studierenden mit Hochschulabschluss haben keinen Job – was könnte beruflich eine Alternative sein?  Sowohl der Abteilungsleiter wie der Sozialarbeiter haben eine solide professionelle Ausbildung. Trotzdem kommt es vor, dass sie Kinder nicht zu dem Ziel führen können, was für ein eigenverantwortliches Leben als Waise wichtig ist. Drei Kinder sind andere Wege gegangen. Eine junge Frau hat die Schule abgebrochen und möchte jetzt eine Lehre als Friseurin beginnen, eine 19-Jährige bekam ein Baby, bevor sie das College beendet hat, und über den Verbleib eines 18-Jährigen hatten wir bis zu meiner Abreise keine Information. Das ist für die Mitarbeiter schwer zu verkraften und sie müssen sich damit auseinandersetzen, vielleicht etwas übersehen oder nicht rechtzeitig bemerkt zu haben. Aber der Anspruch des Centers bleibt, sofern sich ein Kind wieder im Center meldet, ist die Tür offen, und man schaut nach Alternativen.

Unstreitig ist, dass die gute Beziehung und damit das Vertrauen des Kindes zum Betreuer wichtig sind, um es gut auf die Zukunft vorzubereiten. Wir haben begonnen Einzelgespräche zu führen, sie waren vertraulich, und musste etwas mit Dritten besprochen werden, wurde das Kind informiert.

Ich bedanke mich bei den Mitarbeitern für die gute Zusammenarbeit, bei den Outside-children und Verwandten für ihre Offenheit und ihr Vertrauen.

 Ich grüsse Sie herzlich,  Marie Vogelsang