Bericht aus Hawassa vom März 2021

von Hendrijk Guzzoni


Unser Projekt hat die Turbulenzen des Jahres 2021 insgesamt gut weggesteckt. Das haben wir und das haben die Kinder der Hawassa Childrens Organization in erster Linie Ihnen, unseren treuen Paten und Unterstützer*innen zu verdanken. Ebenfalls möchten wir uns ganz herzlich bei allen Mitarbeiter*innen unseres Projekts mit Ato Girma Melesse und den Hausmüttern an der Spitze für großartige Arbeit voller Engagement bedanken.


Starke Teuerung in Äthiopien

Für das Jahr 2021 ist ein neues Budget auf den Weg gebracht, das den Anforderungen der Kinder und der Menschen im „Community Program“ gerecht wird. Die Inflationsrate in Äthiopien liegt weiterhin bei deutlich über 20% und stellt eines der größten Probleme für unser Projekt dar. Mittlerweile werden auch einzelne Lebensmittel knapp. Die Heuschreckenplage des letzten Jahres, Dürre und die Unruhen im Norden wirken natürlich ebenfalls preistreibend. Dazu später mehr. Neben den Kosten für Lebensmittel sind weiterhin die Schulgelder der größte Ausgabenposten in unserer Organisation. Angesichts angespannter Finanzen haben wir für dieses Jahr nur die Löhne der Hausmütter und Wächter um 25% angehoben, die mittleren und höheren Lohngruppen konnten wir nur um 10% erhöhen. Mittlerweile haben wir auch endlich die Stelle einer Leiterin der Kinderabteilung besetzen können.


Umgang mit Corona im Children's Center

Alle Kinder gehen in den Kindergarten bzw. in die Schule - die älteren aufs College oder die Universität. In den Schulen und Kindergärten gibt es aber virusbedingt keinen Ganztagesunterricht, sondern einen 2-Schicht-Betrieb, die einen gehen morgens zur Schule, die anderen nachmittags. Derzeit werden die 12.Klasse Prüfungen („Abitur“) des letzten Sommers nachgeholt. Und im nächsten Sommer werden 12 (!) unserer Kinder das College oder die Universität verlassen.

Im Center selbst sind die Aktivitäten natürlich auch eingeschränkt, Kinder- und Verwaltungstrakt und das Gelände des Ausbildungszentrums werden strikt getrennt gehalten. Ansonsten versuchen wir, dass das Leben der Kinder so „normal“ wie irgend möglich ablaufen kann.


Die Zahl der COVID 19-Infektionen in Äthiopien ist weiterhin vergleichsweise niedrig (leider auch die Achtsamkeit vieler Menschen). Leider hat sich Hawassa in den letzten Wochen zu einem Corona-Hotspot entwickelt, mit stark ansteigenden Infektionszahlen und auch mit auch zahlreichen Toten. Das Management in unserem Projekt ist sehr besorgt und versucht, alle erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen für unsere Kinder zu treffen. In unserem Center wurde vorsorglich ein Quarantäneraum eingerichtet. Alle Kinder gehen mit Maske in Kindergarten oder Schule. Es kann aber sein, das die Schulen demnächst wieder schließen. Aus unserem Projekt ist eine Studentin (leider schwer) erkrankt, eine andere leicht. Mittlerweile aber sind beide wieder genesen. Bisher sind alle Kinder in unserem Center vom Virus verschont geblieben. Es gibt aber einen Verdachtsfall (das Testergebnis liegt noch nicht vor). Auch bei einem Angestellten (der keinen direkten Zugang zu den Kindern hatte) gab es einen Verdacht, er wurde nach Hause geschickt. Ein Junge, der HIV+ ist, ist an Krebs erkrankt, er bekommt derzeit Chemotherapie und wird zuhause unterrichtet.


Stabile politische Lage in Hawassa, aber Landflucht aus Südäthiopien

Die politische und militärische Lage im Norden des Landes ist derzeit einigermaßen stabil. Es ist aber durchaus zu befürchten, dass es immer wieder zu lokalen Unruhen kommen kann. Die Situation in Hawassa ist davon aber nicht direkt berührt, dort ist es völlig ruhig. Ob die eigentlich schon für letztes Jahr angesetzten und dann Epidemie bedingt verschobenen Parlamentswahlen nun wie vorgesehen dieses Jahr stattfinden werden, bleibt abzuwarten.


In Hawassa gibt es derzeit eine große Landflucht. Zehntausende von Menschen aus den ländlichen Gebieten des Südens sind in den letzten Monaten in die Stadt Hawassa geströmt. Dürre und Heuschrecken haben dazu geführt, dass die Böden nichts mehr hergeben und nicht so bewirtschaftet werden können, dass Familien davon ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Die Stadtverwaltung in Hawassa versucht, die Menschen in angemieteten Unterkünften unterzubringen und zu versorgen. Ziel soll es sein, sie mit Lebensmitteln, Kleidung und medizinisch zu versorgen, ihnen ein rudimentäres berufliches Training zukommen zu lassen und sie dann nach einem halben oder dreiviertel Jahr in ihre Dörfer zurückzuschicken. Unsere Organisation ist angefragt, bei der Versorgung und dem beruflichen Training der „Landflüchtlinge“ zu helfen. Wir haben grundsätzlich unsere Hilfe zugesagt, dabei aber deutlich gemacht, dass die Behörden die Kosten übernehmen müssen, da wir für derartige Maßnahmen keine Gelder in unserem Budget haben. Ebenfalls haben wir zugesagt, dass wir bereit wären, 10 bis 12 Waisenkinder in unserem Projekt dauerhaft aufzunehmen.


Neuausrichtung des Ausbildungszentrums - Aufbau Ausbildungsgang "Solartechniker/-in"

Die derzeitige Lage verschärft die Probleme, die wir seit einiger Zeit mit unserem Ausbildungszentrum haben. Diese haben vielfältige Ursachen, unter anderem verändern sich auch immer wieder berufliche Bedarfe, die die äthiopische Gesellschaft hat. Wir werden versuchen, dieses Jahr eine Neuausrichtung unseres Ausbildungszentrums auf den Weg zu bringen und ggf. auch bestimmte Ausbildungsgänge streichen oder durch neue ersetzen. Weiterhin wichtig ist uns, dass einerseits insbesondere Waisenkinder und bedürftige Straßenkinder die Möglichkeit eines einfachen beruflichen Trainings bekommen, dass ihnen bessere Chancen am Arbeitsmarkt oder eine einfache kleine Selbständigkeit ermöglicht.


Zweitens sind wir weiter am Aufbau eines Ausbildungsganges „Solartechniker/-in“. Vor einigen Monaten haben wir gemeinsam mit der halbstaatlichen deutschen GIZ ein großes Solarprojekt begonnen (Link zum Blog-Beitrag). Dies sieht den Ausbau der Solarnutzung in unserem Center vor, genauso wie ein Training in Solartechnik für Hunderte von Menschen aus Hawassa und Umgebung. Außerdem sollen in 36 umliegenden Dörfern kleine Solaranlagen installiert werden und die Menschen vor Ort auch in der Wartung dieser Anlagen unterwiesen werden. In zwei dieser Dörfer wird zudem ein solar betriebener Brunnen gebaut werden, der die Menschen des Dorfs mit frischem, sauberem Wasser versorgen wird, was nicht nur der bessren Bewässerungsmöglichkeit der Felder zugute kommen wird, sondern vor allem der Gesundheit der Menschen durch den Zugang zu frischem Trinkwasser. Wir sind zuversichtlich, dass dieses Projekt sich zu einem Leuchtturmprojekt für Solarenergie in ganz Südäthiopien entwickeln wird.


Im Namen aller Angestellten und aller Kinder und anderen Begünstigten unseres Projekts möchten wir uns nochmals für Ihre wundervolle Unterstützung bedanken. Sie machen wirklich einen Unterschied!